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BY-NC-ND 4.0 license Open Access Published by De Gruyter November 30, 2023

Charlie Vest/Agatha Kratz: Sanctioning China in a Taiwan Crisis. Scenarios and Risks. Washington, D.C.: The Atlantic Council, Juni 2023

Rezensierte Publikation:

Vest Charlie Kratz Agatha Sanctioning China in a Taiwan Crisis. Scenarios and Risks Washington, D.C. The Atlantic Council Juni 2023


In den letzten Monaten haben die wachsenden Spannungen in der Straße von Taiwan sowie die schnelle und koordinierte wirtschaftliche Reaktion der Gruppe der Sieben (G7) auf Russlands Einmarsch in der Ukraine – sowohl in den Hauptstädten der G7 als auch in Peking – die Frage aufgeworfen, ob China in einer Taiwan-Krise ähnliche Maßnahmen auferlegt werden könnten. Dieser Bericht untersucht die Bandbreite plausibler wirtschaftlicher Gegenmaßnahmen, die den Staats- und Regierungschefs der G7 bei einer größeren Eskalation in der Straße von Taiwan kurz vor einem Kriegsausbruch zur Verfügung stehen. Die Studie untersucht mögliche wirtschaftliche Auswirkungen solcher Maßnahmen auf China, die G7 und andere Länder in aller Welt sowie Koordinationsherausforderungen in einer Krise. Die wichtigsten Ergebnisse dieses Papiers sind:

Im Fall einer größeren Krise würden die G7-Regierungen gegen China wahrscheinlich Sanktionen und andere wirtschaftliche Gegenmaßnahmen über mindestens drei Hauptkanäle einführen: (1) Chinas Finanzsektor; (2) Personen und Organisationen, die mit der politischen und militärischen Führung Chinas in Verbindung stehen; und (3) chinesische Industriesektoren von militärischer Bedeutung. Frühere Sanktionsprogramme gegen Russland und andere Volkswirtschaften hätten ein breites Instrumentarium aufgezeigt, das die G7-Staaten im Fall einer Taiwan-Krise gegen China einsetzen könnten. Einige dieser Instrumente würden, wenngleich in sehr begrenztem Umfang, bereits eingesetzt, um chinesische Beamte und Industrien ins Visier zu nehmen.

Weitreichende Sanktionen gegen China würden allerdings massive globale Kosten verursachen. Als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt – zehnmal größer als die russische – und weltweit größter Exporteur verfügt China über enge globale Wirtschaftsbeziehungen, die umfassende Sanktionen für alle Parteien sehr kostspielig machen würden. In einem maximalistischen Szenario, das Sanktionen gegen die größten Institute des chinesischen Bankensystems vorsieht, schätzen die Autoren, dass mindestens 3 Billionen US-Dollar an Handels- und Finanzströmen, ohne Währungsreserven, unmittelbar von Störungen bedroht wären. Dies entspräche in etwa dem Bruttoinlandsprodukt des Vereinigten Königreichs im Jahr 2022. Auswirkungen dieses Ausmaßes machten die Anwendung solcher Sanktionen unwahrscheinlich, es sei denn, China entschlösse sich zu einer Invasion Taiwans.

Die G7 würden wahrscheinlich versuchen, die Kollateralschäden eines Sanktionspakets zu verringern, indem sie sich auf chinesische Industrien und Unternehmen konzentrieren, die stark und asymmetrisch von den Vorleistungen, Märkten oder Technologien der G7 abhängig sind. Gezielte Sanktionen hätten erhebliche Auswirkungen auf China sowie auf die Sanktionierung von Ländern, Partnern und Finanzmärkten. Die Studie zeigt als Beispiel auf, dass wirtschaftliche Sanktionen gegen Chinas Luft- und Raumfahrtindustrie Verluste von mindestens 2,2 Milliarden US-Dollar an entgangenen Exporten nach China aus G-7 Ländern bewirken würden. Auch wäre die Versorgung der G7-eigenen Luft- und Raumfahrtindustrie mit Vorprodukten aus China gestört. Sollte China Vergeltungsmaßnahmen verhängen, könnten weitere 33 Milliarden US-Dollar an Exporten von Flugzeugen und Teilen aus G-7 Ländern die Folge sein.

Die Koordinierung der sanktionierenden Länder bei einer Taiwan-Krise würde eine einzigartige Herausforderung darstellen. Zwar haben einzelne Regierungen begonnen, das Potenzial für wirtschaftliche Gegenmaßnahmen im Fall Taiwan zu diskutieren, doch befinden sich die Konsultationen noch in einem frühen Stadium. Koordination sei der Schlüssel für erfolgreiche Sanktionsprogramme, aber hohe Kosten und die Ungewissheit über Pekings endgültige Absichten würden sie zu einer schweren Aufgabe machen. Die Übereinstimmung mit Taiwan, insbesondere bei wirtschaftlichen Gegenmaßnahmen, werde für alle Bemühungen von erfolgskritischer zentraler Bedeutung sein. Die Meinungsverschiedenheiten der G7 über Taiwans rechtlichen Status könnten sich ebenfalls als Hürde erweisen, wenn es um schnelles Angleichen der Sanktionen geht.

Wirtschaftliche Staatskunst allein könne China nicht von einem Krieg gegen Taiwan abhalten. Wirtschaftliche Gegenmaßnahmen ergänzen bestenfalls die militärischen und diplomatischen Instrumente zur Aufrechterhaltung von Frieden und Stabilität in der Straße von Taiwan. Ein übermäßiges Vertrauen in wirtschaftliche Gegenmaßnahmen oder in deren kurzfristige Auswirkungen könnte zu politischen Fehlschlägen führen. Solche Instrumente würden zudem die Gefahr bergen, dass sie mit der Zeit allmählich an Wirksamkeit verlieren. Denn China baut bereits alternative Währungs- und Finanzabwicklungssysteme aus.

https://www.atlanticcouncil.org/in-depth-research-reports/report/sanctioning-china-in-a-taiwan-crisis-scenarios-and-risks/

Online erschienen: 2023-11-30
Erschienen im Druck: 2023-11-28

© 2023 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von De Gruyter.

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 4.0 International Lizenz.

Downloaded on 23.2.2024 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/sirius-2023-4011/html
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