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BY-NC-ND 4.0 license Open Access Published by De Gruyter November 30, 2023

Bücher von gestern – heute gelesen

  • Leo Bamberger

    non-resident Fellow des ISPK

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Rezensierte Publikation:

Schwarz Hans-Peter Anmerkungen zu Adenauer München Deutsche Verlagsgesellschaft 2004, 218 Seiten


Kein Politiker hat die Ausrichtung der Bundesrepublik Deutschland so stark beeinflusst wie Konrad Adenauer. Er war Mitbegründer und der erste Bundeskanzler des bislang erfolgreichsten Staatswesens auf deutschem Boden und hat von 1949 bis 1963 die Geschicke des Landes wesentlich gestaltet. Es sind viele Biographien über ihn und Bücher über seine Politik erschienen, die ihn teils loben, teils kritisieren. Unter all diesen Büchern stechen diejenigen von Hans-Peter Schwarz hervor, der sich intensiv wie kein anderer mit Adenauer befasst hat. Seine zweibändige Adenauer-Biographie umfasst mehr als 2.100 Seiten und gilt als Standardwerk,[1] zudem hat er eine ebenfalls zweibändige Geschichte der Bundesrepublik Deutschland über die Ära Adenauer verfasst.[2] Im hier besprochenen 2004 erschienenen Buch hat der 2017 verstorbene Politikwissenschaftler und Historiker ein Resümee seiner umfangreichen Forschungen gezogen, gleichermaßen ein Brevier seiner Beschäftigung mit Adenauer. Er tat das in der ihm eigenen Art, abgewogen und mit geschliffenen Worten. Das Buch lohnt die Lektüre. In sieben Kapiteln informiert es über Adenauers wichtigste Lebensstationen, seine Leistungen in der Innen- und Außenpolitik, die Kritik an seiner Deutschlandpolitik und an seinem angeblichen Modernisierungs-Phlegma und über Adenauers dunkle Seiten.

Im Kapitel über Adenauers Innenpolitik vergleicht Schwarz Adenauer mit Adolf Hitler. Während Hitler die Zerstörung des alten Deutschlands bewirkt hat, habe der andere nur wenige Jahre nach der totalen Katastrophe eine unerwartete Spätblüte in Deutschland herbeigeführt. Hitler sei aus dem Nichts gekommen und habe mit Deutschland va banque gespielt, demgegenüber habe mit Adenauer „ein Bürger vom alten Schrot und Korn den Kurs, die Strukturen und das politische Klima des Landes maßgeblich bestimmt – selbstbewußt, rastlos, gestaltungsfreudig, maßvoll, skeptisch und umsichtig“ (Seite 42 f.). Auf diese Weise habe er international Vertrauen geschaffen und das Ansehen der Bundesrepublik in einem Maß wiederhergestellt, das 1945 für viele im In- und Ausland kaum vorstellbar war. Das alles konnte ihm allerdings nur gelingen, weil die von ihm geführte Bundesregierung (maßgeblich in Person des Wirtschaftsministers Ludwig Erhard) eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik hingelegt hat, die hohe Wachstumsraten ermöglichte und somit das bekannte „Wirtschaftswunder“ herbeiführte.

Schwarz lenkt die Aufmerksamkeit des Lesers auf eine weitere Parallele und gleichzeitig Unterschiedlichkeit. Hitler habe mit der NSDAP erstmals in Deutschland eine Volkspartei geschaffen, in der alle Schichten des Volkes vertreten waren und in der nicht die Vertretung materieller Interessen einzelner Schichten im Vordergrund stand. Damit habe er eine schlagkräftige Organisation geschaffen, die ihm zutiefst ergeben war und ihm ermöglicht habe, das Land wie einen absolutistischen Staat zu regieren. Adenauer wiederum habe aus dem „zusammengewürfelten Haufen“ der CDU binnen weniger Jahre eine Volkspartei geschaffen, in der viele Schichten vertreten waren, die ihm das Regieren ermöglichten. Im Gegensatz zur NSDAP sei die CDU keine hierarchisch aufgestellte Führerpartei gewesen, sondern eine lebendige Partei, in der Probleme und Strategien diskutiert und abgewogen waren, natürlich mit Adenauer als Zentralfigur, aber keinesfalls alles beherrschendem Führer. So habe Adenauer das Vorbild einer demokratischen Volkspartei geschaffen (Seite 68 ff.).

In der Außenpolitik, so Schwarz, sei es von Anfang an Adenauers Ziel gewesen, Deutschland in den Kreis der westlichen Mächte und Demokratien zu führen. Da dieser Weg wegen der deutschen Teilung nur dem westdeutschen Staat offenstand, habe Adenauer für die Bundesrepublik den pragmatischen Weg der Westbindung gewählt. Dabei kam ihm die internationale Lage entgegen, in der angesichts der militärischen Bedrohung seitens der Sowjetunion ein westdeutscher Beitrag zur Verteidigung Westeuropas gefragt war. Damit öffnete sich eine Tür, um wieder ein großes Stück Souveränität zu gewinnen. Gleichzeitig fand Adenauer bei vielen westeuropäischen Politikern Unterstützung für die Idee der europäischen Integration – Voraussetzung dafür, dass die Bundesrepublik ihre wirtschaftspolitische Souveränität zurückerhalten konnte, indem sie diese gemeinsam mit den anderen Staaten der Europäischen Gemeinschaft (bzw. EWG) teilte. Und der Abbau von Zöllen und nicht-tarifären Handelshemmnissen erlaubte der Wirtschaft der Bundesrepublik ihren raschen Aufwuchs.

Adenauers außenpolitisches Denken war, so Schwarz, stark geprägt vom Konzept des Mächtegleichgewichts, das es mit Augenmaß anzuwenden galt. An erster Stelle habe für ihn der Aufbau einer westlichen Verteidigung gestanden, um so ein Gegengewicht zur sowjetischen Bedrohung herstellen zu können. Aber auch innerhalb der europäischen Staaten sollte ein Gleichgewicht bestehen. Adenauer legte Wert darauf, dass die Bundesrepublik gleichgewichtig neben Frankreich und Großbritannien stand. Um dieses Gleichgewicht zu schaffen, war es vor allem wichtig, die Beziehungen zu den USA zu pflegen, ohne die nicht nur die Verteidigung Westeuropas unmöglich gewesen wäre, sondern die auch eine Rolle als Mediator innerhalb der westlichen Staatengemeinschaft spielten. Mit Beginn der 60er-Jahre wurde diese doppelte Gleichgewichtspolitik allerdings zunehmend schwierig. Mit dem Amtsantritt von Charles de Gaulle im Jahr 1959 und der Kennedy-Administration im Januar 1961 veränderte sich die Konstellation für die Außen- und Verteidigungspolitik grundsätzlich. Während de Gaulle Frankreich nicht nur zur Atommacht werden ließ (ein Weg, der für die junge Bundesrepublik nicht möglich war), sondern auch die Abkehr von der atlantischen Allianz einläutete, verlangte der junge amerikanische Präsident ein völliges Umdenken in der Verteidigungspolitik der NATO und ließ nach der Kuba-Krise erkennen, dass er einen Bilateralismus mit der Sowjetunion anstrebte, um so einen Kernwaffenkrieg zu verhindern. Die Verunsicherung Adenauers über die US-Politik war größer, so Schwarz, als die über de Gaulle, weshalb Adenauer sich mit dem Elysée-Vertrag von 1963 in einer Weise auf de Gaulles europapolitische Konzepte eingelassen habe, die seine Nachfolger wieder Stück für Stück zurechtrückten. Insgesamt vergleicht Schwarz Adenauers Außenpolitik mit der von Bismarck und gelangt zu dem Ergebnis, dass zumindest die ab 1871 gezeigte Vorsicht und das subtile Gleichgewichtsdenken Bismarcks in Adenauer einen würdigen Nachfolger gefunden haben.

Ein gesondertes Kapitel widmet Schwarz der Frage, ob Adenauer jener „Verräter“ der deutschen Einheit gewesen sei, als den ihn seine Kritiker von links und rechts darstellten. Hinzu kam der Vorwurf, schon in seiner Zeit als Kölner Oberbürgermeister mit einem Rheinstaat (Rheinbund) geliebäugelt zu haben. Schwarz führt die Namen all derjenigen auf, die Adenauer im Lauf der 50er- und 60er-Jahre in dieser Hinsicht kritisiert haben, angefangen von SPD-Politikern wie Kurt Schumacher bis hin zu Publizisten wie Rudolf Augstein und Paul Sethe. Schwarz nimmt besonders Augstein aufs Korn, den er als Adenauers „Verfolger vom Dienst“ bezeichnet (Seite 121). Augstein sei ein „Nationalist pur sang“ gewesen, „ressentimenterfüllt, überheblich, antifranzösisch, der im SPIEGEL … auch eine Art von Mafianest von SS- und SD-Leuten um sich versammelt hat, über dessen Herkunft und Ausdehnung sich eine breitere Öffentlichkeit erst in den neunziger Jahren Gedanken zu machen beginnt“ (Seite 123). Für Schwarz war klar, dass die Kritik an Adenauer zwar einen schwachen Punkt in dessen Politik ansprach, doch angesichts der damaligen Lage hätte der Bundeskanzler keinen anderen Weg als die Westbindung gesehen und Stalins Neutralitätsnote von 1952 auch deshalb abgelehnt, damit kein Zweifel in der westlichen Staatengemeinschaft an seinem Willen aufkommen könnte, die Bundesrepublik in die westliche Gemeinschaft zu integrieren. Am Ende sollte Adenauer recht behalten. Um dies zu unterstreichen, führt Schwarz ein Zitat Augsteins aus dem Jahr 1963 ein. Dieser hatte damals in kritischer Ablehnung der Adenauerschen Politik der Westbindung geschrieben, dass für Adenauer „die Wiedervereinigung, wenn überhaupt, nur am Ende eines langwierigen Prozesses der europäischen Integration stehen könnte, nicht nach Jahren, sondern nach Jahrzehnten zu bemessen, wahrscheinlich aber mit dem Ende des gottlosen Bolschewismus zusammenfallend“ (Seite 139). Man bemerkt die Genugtuung, mit der Schwarz dieses Zitat zustimmend wiedergibt.

 Konrad Adenauer beim Zeitungslesen während eines Urlaubaufenthaltes in Cadenabbia

Konrad Adenauer beim Zeitungslesen während eines Urlaubaufenthaltes in Cadenabbia

Ein weiteres Kapitel widmet sich der Frage, ob die Kritiker recht hatten, die Adenauer als Hindernis für eine notwendige gesellschaftliche und wirtschaftliche Modernisierung hinstellten. Schwarz weist überzeugend nach, dass Adenauer stets ein Modernisierer gewesen sei. Das gelte für seine Zeit als Oberbürgermeister von Köln ebenso wie für seine Zeit als Bundeskanzler, zumindest für die ersten drei Amtsperioden. Er war – so Schwarz – der Modernisierer Deutschlands und habe vor allem mit der Rentenreform von 1957 einen wesentlichen Beitrag zur gesellschaftlichen Stabilisierung geleistet. Bei der Abrechnung mit dem Nationalsozialismus sei Adenauer sehr behutsam vorgegangen – viel zu behutsam nach Einschätzung vieler Beobachter. Schwarz bemüht sich hier um eine abgewogene Beurteilung. Er erkennt die Defizite der Vergangenheitsbewältigung der 50er-Jahre, weist aber auch darauf hin, dass Adenauer von Anbeginn die Unterstützung Israels betonte, gleichzeitig jedoch Vorsicht gegenüber dem Versuch einer Abrechnung walten ließ zu einem Zeitpunkt, an dem der Großteil der Wähler aus früheren Anhängern der Nationalsozialisten bestand.

Das Buch endet mit einer Darstellung der negativen Seiten Adenauers. Dieser sei oft unbeherrscht und launisch gewesen, habe seine Meinung häufig geändert und vor allem in seinen letzten Amtsjahren gelegentlich den Kompass verloren. Auch sei er ein Meister der politischen Intrige gewesen (in diesem Punkt Bismarck sehr ähnlich) und gern rechthaberisch und ungeduldig. Allerdings habe er im kleinen Kreis auch kritische Anmerkungen gelten lassen, sofern diese fundiert dargebracht worden seien. Im abschließenden Kapitel fragt Schwarz, was von Adenauer geblieben ist, und nennt als Fazit die Tatsache, dass die Bundesrepublik Teil der westlichen Welt geworden und nicht mehr in jenem Status der Schaukelpolitik verhaftet ist, die die Zeit von 1890 bis 1933 kennzeichnete, und vor allem nicht mehr versucht, die Vorherrschaft in Europa zu ergreifen, sondern konstruktives Glied einer demokratischen Gemeinschaft zu werden und zu bleiben.

Dieses Buch ist vor 20 Jahren geschrieben worden, aber heute noch sehr lesenswert.

Professor Dr. Hans-Peter Schwarz

Hans-Peter Schwarz war ein deutscher Politikwissenschaftler, Zeithistoriker und Publizist. Er wurde 1934 in Lörrach geboren und starb 2017. Er studierte in Basel, Paris und Freiburg Politische Wissenschaft, Soziologie, Geschichte und Germanistik und promovierte 1958 bei Arnold Bergsträsser. Nach der Habilitation wurde er 1966 Professor für Politikwissenschaft an der Universität Hamburg und 1974 an der Universität zu Köln. Im Jahr 1987 erhielt er einen Ruf als ordentlicher Professor für Politikwissenschaft an die Universität Bonn, 1999 wurde er dort emeritiert.

 Professor Dr. Hans-Peter Schwarz bei einem Vortrag

Professor Dr. Hans-Peter Schwarz bei einem Vortrag

Bekannt wurde er durch sein Buch „Vom Reich zur Bundesrepublik – Deutschland im Widerstreit der außenpolitischen Konzeptionen in den Jahren der Besatzungsherrschaft 1945–1949“ und seine Adenauer-Biographien („Der Aufstieg“ und „Der Staatsmann“) sowie durch seine Bücher über Deutschland in der Ära Adenauer. 1982 veröffentlichte er ein Buch über die Stalin-Note von 1952. 1985 erschien sein viel zitiertes Buch „Die gezähmten Deutschen. Von der Machtversessenheit zur Machtvergessenheit.“ Ebenso viele Leser fand sein Buch „Die Zentralmacht Europas. Deutschlands Rückkehr auf die Weltbühne“ (1994). Schwarz setzte sich auch mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts auseinander („Das Gesicht des Jahrhunderts. Monster, Retter und Mediokritäten“, 1998) und verfasste Biographien von Helmut Kohl und Axel Springer. Schwarz war ein ausgezeichneter Fabulierer und Formulierer, der Geschichte spannend nachzuerzählen und oft mit einer subtilen Ironie zu glänzen wusste, aber immer darauf achtete, dass alle Aussagen auch dokumentiert werden konnten.

Über den Autor / die Autorin

Prof. em. Dr. Leo Bamberger

non-resident Fellow des ISPK

Online erschienen: 2023-11-30
Erschienen im Druck: 2023-11-28

© 2023 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von De Gruyter.

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 4.0 International Lizenz.

Downloaded on 23.2.2024 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/sirius-2023-4015/html
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