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BY-NC-ND 4.0 license Open Access Published by De Gruyter November 30, 2023

Bruno Schönfelder: Der Fluch des Imperiums. Berlin: Edition Europolis 2022, 152 Seiten

  • Jakob Kullik

    Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand der Politikwissenschaft

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Rezensierte Publikation:

Schönfelder Bruno Der Fluch des Imperiums Berlin Edition Europolis 2022 152 Seiten


Nicht erst seit Russlands Vernichtungskrieg gegen die Ukraine stellt sich die Frage, was die postkommunistische Russländische Föderation unter Putin im Kern zusammenhält und warum eine Demokratisierung nach westeuropäischem Vorbild ausblieb. Imperien, so meinte die Politikwissenschaft bis vor Kurzem, seien ein historisches Auslaufmodell. Ihr Ableben und ihre Transformation zu einem „normalen“ Nationalstaat seien nur eine Frage der Zeit. Doch im Fall Russlands sind alle positiven Entwicklungsprognosen nie eingetreten. Es stellt sich also die Frage, ob das Putin‘sche Russland an postimperialen Verlustschmerzen leidet oder vielmehr nach einer inhärenten staats-imperialen Logik agiert und gar nicht anders handeln kann? Wenn dies so wäre, müsste genauer ins Innere des russischen Staatswesens geschaut werden. Einer, der dies aus wirtschaftshistorischer Sicht getan hat, ist der mittlerweile emeritierte Professor für Volkswirtschaftslehre, Bruno Schönfelder, der bis 2022 an der TU Bergakademie Freiberg (Sachsen) lehrte.

In seinem knapp 150 Seiten umfassenden Büchlein mit dem Titel „Der Fluch des Imperiums“ schaut er weniger auf handelnde Personen als vielmehr auf Makrofaktoren wie Geographie, Klima und Wirtschaftsstruktur. Schönfelder formuliert eine klare These, die er über alle Kapitel entfaltet: „Die zentrale These dieses Buches behauptet, dass die Siedlungsstruktur, die Wirtschaftsgeographie, die Russland vom Zarenreich und der Sowjetunion geerbt hat, mit einer voll entwickelten Marktwirtschaft unvereinbar ist und deswegen auch einer Demokratisierung Russlands sowie einer Entwicklung zum Rechtsstaat im Wege steht“ (S. 10). Diese „in über 100 Jahren gewachsene wirtschaftsgeographische Fehlstrukturierung des Landes“ (ebd.) habe einen Teufelskreis geschaffen, aus dem Russland mit seinen zentralistischen und quasi-planwirtschaftlichen Methoden nicht mehr herauskomme, ja sein Elend nur verschlimmere. Wer mit der russischen Wirtschaftsgeschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts vertraut ist, der findet diese These auf Anhieb überzeugend. Der Autor verknüpft hierbei die wirtschaftshistorische Analyse mit den polit-ökonomischen Vorstellungen der zaristischen und sowjetkommunistischen Eliten. Schließlich entwickelte sich der „Drang“ nach Osten ins sibirische Hinterland des Moskowiter Reichs nicht im luftleeren Raum, sondern knüpfte an Raumordnungsüberlegungen, reale Sicherheitserfordernisse und teils wahnwitzige wirtschaftliche Träumereien an (Kapitel 3).

Erschreckend deutlich wird, dass im Grunde ein Großteil der gesamten Expansionsgeschichte Russlands auf ökonomisch irrationalen Kriterien beruhte. Andere Überlegungen, allen voran militärische und sicherheitspolitische Ziele, waren stets wichtiger für das Machtstreben des Kreml. Ob sich das russische Machtzentrum nah am europäischen Ostsee-Wirtschaftsraum in Sankt Petersburg oder weit im Landesinneren in Moskau befand, machte keinen Unterschied. „Die weitere Expansion ging insbesondere nach Osten und hatte keine landwirtschaftliche Rationalität mehr, weil mit Sibirien und dem Fernen Osten Regionen erobert wurden, in denen damals allenfalls eine Subsistenzlandwirtschaft möglich war“ (S. 22). Auch die kurzzeitigen immensen Einnahmen aus dem sibirischen Pelzhandel reichten nicht aus, um die kostspieligen Unternehmungen des Zaren zu decken. Dies und das vollständige Fehlen eines starken und selbstbewussten Mittelstands waren ursächlich für die beinahe schrankenlose Expansionspolitik Moskaus, die nur durch militärische Niederlagen an den Grenzen des Imperiums gestoppt wurde. Im Inneren existierte schlicht keine Kraft, die diesem wirtschaftlich widersinnigen und menschenverzehrenden Treiben Einhalt gebieten konnte.

Und so verwundert es nicht, dass die Gewaltherrschaft des Bolschewismus nahtlos an die Expansionspraktiken des Zarismus anknüpfte. Die Sowjets unter Lenin und Stalin erbten gewissermaßen das extraktiv russländisch-imperiale Großraumdenken auf Kosten von Natur, Mensch und volkswirtschaftlicher Vernunft. Schönfelder bezeichnet dieses Phänomen zutreffend als Russische Krankheit: „Die Industrialisierung, die bei der Russischen Krankheit stattfindet, ist eigentlich eine Fehlentwicklung, eine Ausbildung wirtschaftlich nicht lebensfähiger Strukturen. Sie bringt Betriebe und Fertigungsstätten hervor, die ihre Kosten nicht verdienen würden, wenn sie ihr Material und ihre Vorprodukte zu Weltmarktpreisen bezahlen und ihre Outputs zu Weltmarktpreisen verkaufen müssten“ (S. 69). Das Brisante daran ist nicht so sehr die Diagnose, die seit Langem bekannt ist, sondern die Behandlung: „Die Russische Krankheit hat massenhaft Produktionsstätten und ganze Großstädte hervorgebracht, die sich nicht durch eine maßvolle Schrumpfung sanieren lassen, sondern stillgelegt werden müssten. Dies betrifft vor allem einen Großteil dessen, was in Sibirien und im Fernen Osten errichtet wurde“ (S. 70). Hier hat der Leser richtig gelesen: ein Großteil der russischen Städte und Industrieanlagen östlich des Ural müsste im Sinne einer volkswirtschaftlich nachhaltigen Reorganisation des Staats- und Wirtschaftswesens stillgelegt werden. Dies würde Umsiedlungen und eine Aufgabe ganzer Landstriche bedeuten. Aus Sicht des Kremls wäre dies ein Rückzug von über 300 Jahren Eroberungsgeschichte und das massive Eingeständnis einer verfehlten Siedlungs- und Wirtschaftspolitik. Angesichts der nach wie vor dominanten Denkweisen in der russischen Staatselite ist diese Option derzeit völlig unrealistisch. Welcher russische Herrscher oder Politiker würde schon freiwillig Teile des eigenen Territoriums aufgeben, auch wenn diese infrastrukturell noch so schwer zu verwalten sind? Die heilige russische Erde triumphierte stets über die rationale Raumplanung. In dieser zentralistisch-planungsökonomischen Naturbeherrschungslogik war die Errichtung des GULAG-Systems demnach nur konsequent. Es kompensierte die inhärente Schwäche der russischen Ausbeutungswirtschaft durch ein Heer von Arbeitssklaven, wodurch die Russische Krankheit durch neue Monostädte, Industrie- und Militäranlagen über die gesamte Sowjetunion metastasierte. Das wirtschaftsplanerische Denken der Sowjets änderte sich auch nicht angesichts drängender Probleme: abnehmende technologische Wettbewerbsfähigkeit der UdSSR gegenüber den westlichen Systemkonkurrenten, allgemeine Fehlallokation knapper Ressourcen, rückläufige Ölförderquoten und zunehmende Verschuldung beim Westen. Nichts von alldem vermochte den Geronten im Politbüro die Augen zu öffnen. Wie auch?!

Schönfelder zeigt, dass Wirtschaftskompetenz nicht zur Stärke der zweiten Generation sowjetischer Parteikader zählte: „Auf diesem Gebiet war das ganze Politbüro unbelehrbar. Dasselbe galt für die einflussreichsten Berater der neuen Herren“ (S. 90). Die beinahe totale, ideologisch begründete Ignoranz gegenüber volkswirtschaftlichen Zusammenhängen war indes nichts, was im Abstrakten blieb. Die überall sichtbaren Folgen waren grassierende Unterversorgung, Korruption, Rückkehr zum Tausch- und Schwarzmarkthandel, fehlender Leistungswille und völlige Delegitimierung des Marxismus-Leninismus als Staats- und Gesellschaftsideologie. All dies wurde viel zu spät erkannt und die Kumulation an Belastungsfaktoren und Systempathologien führte in der Folge zum Untergang des Imperiums. „Gorbatschow selbst erkannte das Problem 1988, also nach sechs Jahren der Untätigkeit, als er eine Denkschrift von Gaidar las, die es ihm begreiflich machte. Er war darüber derart erschüttert, dass er die Schrift im Politbüro vorlas, aber seine Hörer verstanden anscheinend nicht viel. Jedenfalls geschah danach nichts Durchgreifendes“ (S. 91).

Schönfelders gut lesbares und aufschlussreiches Büchlein zeigt schonungslos und überzeugend, dass es mit einer bloßen Demokratisierung und wirtschaftlichen Wiederannäherung Russlands nach dem Ende des Putin-Regimes nicht getan ist. Das riesige Land bräuchte eigentlich eine strukturelle Generalreform, die gleichermaßen nachhaltig, postimperial und partizipativ sein müsste. Nur, wer soll das bewerkstelligen, wer den Fluch des Imperiums brechen? Niemand weiß das zum jetzigen Zeitpunkt. Doch vielleicht wird dafür der Mensch gar nicht mehr von Nöten sein. Der Klimawandel könnte nämlich weite Teile Sibiriens unbewohnbar machen und eine „natürliche“ Umsiedlung und Entvölkerung erzwingen, wie der Autor auf der letzten Seite deutlich macht. Damit würde erst die Natur die Russische Krankheit heilen und die längst überfällige Europäisierung eines dann geschrumpften, postimperialen Restrusslands einleiten.

Über den Autor / die Autorin

Jakob Kullik

Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand der Politikwissenschaft

Online erschienen: 2023-11-30
Erschienen im Druck: 2023-11-28

© 2023 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von De Gruyter.

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 4.0 International Lizenz.

Downloaded on 22.2.2024 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/sirius-2023-4018/html
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