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BY-NC-ND 4.0 license Open Access Published by De Gruyter November 30, 2023

Stig Stenslie/Lars Haugom/Brigt Harr Vaage (Hrsg.): Intelligence Analysis in the Digital Age. London und New York: Routledge 2022

  • Andreas Lutsch EMAIL logo

Rezensierte Publikation:

Stenslie Stig Haugom Lars Vaage Brigt Harr Intelligence Analysis in the Digital Age London und New York Routledge 2022


Das digitale Zeitalter stellt eine gewaltige Herausforderung für geheime Nachrichtendienste dar und eröffnet diesen stetig neue Chancen. Eine Stichwortaufzählung lässt bereits die Vielschichtigkeit der Herausforderungen erahnen: rapide Geschwindigkeit des technologischen Wandels, zunehmende Komplexität, Tempo der globalen Verfügbarkeit von Nachrichten, weltweite Konnektivität dank Internet, Netzwerkstrukturen und Mobiltelefonen, hohes Niveau an Transparenz im Weltgeschehen, steigende Ansprüche an geheime Nachrichtendienste als Informationsorgane von Regierungen und präzedenzloser Konkurrenzdruck durch Medien sowie andere Informationsdienstleister wie Think Tanks. Welche neuen Chancen geheime Nachrichtendienste im digitalen Zeitalter nutzen, welche sie identifizieren, in welche sie investieren und welche sie systematisch erforschen lassen, ist in der Öffentlichkeit weniger oder nicht bekannt. Das ist nicht überraschend. Denn es geht um Mittel und Methoden. Diese schirmen geheime Nachrichtendienste von jeher ab, um die Geheimhaltung zu wahren – und damit den Informationsvorsprung ihrer Regierungen.

In der öffentlichen Betrachtung entsteht so aber ein Ungleichgewicht: Herausforderungen werden eher thematisiert, insbesondere in Deutschland häufig auch in der Absicht, dem Bild der Nachrichtendienste in der Öffentlichkeit zu schaden. Ein Bewusstsein für Chancen bleibt hingegen unterentwickelt oder ist nicht einmal vorhanden. Dies kann zu dem vorschnellen Urteil führen, geheime Nachrichtendienste seien im digitalen Zeitalter strukturell oder sogar abnehmend schwächere Akteure als im vordigitalen Zeitalter. Doch wie hat sich die Arbeitsweise geheimer Nachrichtendienste unter digitalen Bedingungen tatsächlich verändert? Und mit welchen Veränderungen ist zukünftig zu rechnen?

Diesen allgemeinen Grundsatzfragen nähert sich der Sammelband „Intelligence Analysis in the Digital Age“ an, indem er Perspektiven auf nachrichtendienstliche Auswertung und Analyse eröffnet (im Englischen: analysis and assessment). Es geht in dem Buch also nicht um Bereiche wie die Beschaffung von Informationen, einschließlich technischer Fragen nach leistungsfähigeren IT-Systemen oder Quantencomputing. Das Buch geht von dem „westlichen“ Begriffsverständnis aus, das unter Intelligence Auslands- und Militäraufklärung sowie diesbezügliche Spionageabwehr versteht. Das heißt nicht, dass die im Buch enthaltenen Perspektiven keine Relevanz für Inlandsnachrichtendienste (security agencies) oder den in Österreich und Deutschland praktizierten Verfassungsschutz hätten. Vielmehr wäre die Betrachtung der genannten Grundsatzfragen in Bezug auf Inlandsaufklärung ein eigenes Thema.

Der Sammelband ist in der renommierten Reihe Studies in Intelligence erschienen und wurde von einem norwegischen Trio herausgegeben: Stig Stenslie, Professor an der Norwegian Intelligence School, Lars Haugom, Berater des Norwegian Defence Establishment, und Brigt Harr Vaage, Director of Operations, Norwegian Intelligence Service (NIS), vormals Direktor der NIS-Abteilung für Auswertung und Analyse. Diese Zusammensetzung verweist auf ein Merkmal, das auch die Beiträge kennzeichnet: Es werden Perspektiven von Wissenschaftlern geboten, die Einblicke in Intelligence-Praxis haben, sowie Perspektiven von Intelligence-Praktikern, die einschlägige wissenschaftliche Diskussionen rezipieren. Insofern werden hier Ergebnisse eines Praxis-Wissenschaft-Austauschs geboten, die Einsichten in den aktuellen Stand internationaler Fachdiskussionen ermöglichen. Die auf Intelligence-Praxis orientierten bzw. durch Intelligence-Praxis informierten Einzelbeiträge stammen von Experten aus Norwegen, Schweden, Dänemark und Großbritannien. Der 2019 verstorbene Generalleutnant Kjell Grandhagen, Leiter des NIS von 2010 bis 2016, steuerte ein Vorwort bei. Auf diese Weise bietet das Buch Spezialistenperspektiven, die aufgrund der professionellen Verortung der meisten Autoren in „nordischen Ländern“ zu einer Differenzierung der Intelligence Studies beitragen, die traditionell stark von Institutionen und Autoren aus den Five Eyes-Ländern (USA, UK, Kanada, Australien, Neuseeland) geprägt sind.

Ein zentraler Befund des Werkes lautet: Bei allen Veränderungen in der digitalen Welt sind fundamentale Elemente der nachrichtendienstlichen Analyse zeitlos und werden daher unverändert bleiben (Seite 6). Dies beleuchtet insbesondere Sir David Omand, ehemaliger Direktor des britischen SIGINT-Dienstes Government Communications Headquarters (GCHQ), (Seite 12–15). Allerdings seien im Vergleich zur vordigitalen Zeit die Anforderungen speziell an Intelligence-Analysten alles in allem massiv gestiegen.

Die Geschwindigkeit der digitalen Nachrichtenwelt erhöhe den Druck, Analyseergebnisse schneller vorzulegen. Dies mache „gute Analyse schwerer“ (Seite 53), vor allem, weil die kostbare Ressource Zeit konsumiert werden müsse, um mit der aktuellsten pressebekannten Lageveränderung Schritt zu halten. Früher sei Informationsdürre ein größeres Problem gewesen als heute. Mittlerweile würden Analysten in Datenvolumina ertrinken, die Jahr um Jahr dynamisch zunehmen. Es bestehe schon deswegen eine wachsende Irrtumsanfälligkeit, weil es immer schwerer wird, die „besten“ Informationen zu finden (Seite 55). Zu den meisten Themen könnten unmöglich „alle“ relevanten Informationen verarbeitet werden (Seite 64). Auch werde es zunehmend schwierig, Informationen aus unterschiedlichen Aufkommen gleichzeitig adäquat zu erfassen, zu prüfen, auszuwerten, zu verzeichnen und zu speichern (Seite 58). Grundsätzlich stelle sich die nicht-triviale Frage, welche Ausschnitte aus der Datenmenge relevant sind und bleiben (Seite XVI f.). Es drohe ein Garbage-in, garbage-out-Prozess, wenn nicht optimierte Datenansammlungen zu nicht optimierten Ergebnissen verarbeitet werden (Seite 48).

Zudem könne aufgrund der digitalen Verfügbarkeit offener Daten insbesondere im Internet der Fehleindruck entstehen, dass es nicht mehr des langjährigen, systematischen und auch wissenschaftlich orientierten Expertiseaufbaus bedürfe, weil Antworten auf Fragen nur wenige clicks entfernt seien (Seite 37). Innerhalb der Welt der Nachrichtendienste sei dieser Fehleindruck im 21. Jahrhundert mitunter befeuert worden: Vor allem in den Jahren nach dem 11. September 2001 mit ihrem Fokus auf taktisch-orientierte Terrorismusaufklärung hätten Dienste bei der Analyse in hohem Maß auf flexible und daher austauschbare Generalisten gesetzt, denen bestenfalls Standardverfahren der Analyse vermittelt worden seien.[1] Stenslie betont zu Recht, dass wichtige Methodenkompetenzen in-depth specialist knowledge nicht ersetzen dürfen, weil sie dies gar nicht können (Seite 49).

Auch werde von Analysten verlangt einzuschätzen, wie sich die jeweilige Lage zukünftig weiterentwickeln wird. Dies konfrontiert Analysten häufig mit einem offensichtlichen Widerspruch: Das Weltgeschehen ist im wörtlichen Sinn unvorhersehbar und daher nicht vorhersagbar, insbesondere unter digitalen Bedingungen. Das hält viele Regierungsvertreter und sonstige Akteure jedoch nicht davon ab, erst dann Vertrauen in Intelligence zu entwickeln, wenn der Nachrichtendienst Voraussagen abgeliefert habe, die sich als einigermaßen korrekt erwiesen haben (Seite XIV). Mitunter werde die Erwartungshaltung, Nachrichtendienste sollten „vorhersagen“ (können), von außen und auch öffentlich an diese herangetragen. Solange Abnehmer von Intelligence diese unrealistische Ansicht hegen, gingen Analysten zwangsläufig vorsichtiger bei ihren Einschätzungen vor. Gefordert ist von Analysten etwas anderes: Courage, die erkannte Lage zu benennen, dabei Ungewissheiten analytisch zu reduzieren und eine gewisse Demut beizubehalten, weil auch der erfahrenste Analyst falsch liegen kann (Seite XVI). Gerade weil der Mensch angesichts der ungewissen Zukunft dazu neige, Vorhersagen zu wagen, ohne dazu fähig zu sein, sei ein fundamentaler Punkt wichtig, wie Kristian C. Gustafson von der Brunel University London betont: „The intelligence analyst cannot predict the future, but what the analyst must do is assign probabilities to certain outcomes and events, as tasked.“ Vor allem die historische Kenntnis der bisherigen Entwicklung sei von größter Bedeutung, um nicht einer „historischen Aufmerksamkeitsdefizitstörung“ (Christopher Andrew) zu unterliegen (Seite 105). Wichtig sei auch, so Omand, zwischen „Prognose“ (prediction) und „Einschätzung“ (estimate) zu unterscheiden (Seite 14). In vielen Fällen sei es unmöglich, Vorhersagen oder Prognosen abzugeben, und es sei für jeden Nachrichtendienst abträglich, wenn er es dennoch tue. Grundsätzlich falsch, so Wilhelm Agrell von der Lund University, sei die Vorstellung, „that sound intelligence analysis must be able to deliver the correct conclusion“ (Seite 144). Kluge Abnehmer von Intelligence-Analysen seien sich dessen bewusst. Daher, so Espen Barth Eide, ehemaliger Verteidigungs- und Außenminister Norwegens, sollten gerade neu ins Amt gekommene Politiker und anderes Führungspersonal eine realitätsnahe Einführung in die Fähigkeiten und Grenzen ihrer Dienste erhalten (Seite 35).

Das Buch lässt erkennen, dass das digitale Zeitalter für geheime Nachrichtendienste auch Chancen bereithält. Die Terrorismusaufklärung übertreffe in Effizienz und Genauigkeit längst die Praxis der vor-digitalen Zeit (Seite 22). Neue Ansätze für Frühwarnung, Netzwerkanalyse und Geolokalisierung von Zielpersonen ergäben sich im Bereich der Social Media Intelligence (SOCMINT) (Seite 56 f.). Solange nicht händisch geprüft werden soll, seien IT-Anwendungen und eine entsprechende Analystenausbildung unabdingbar. Auch hier bestehe das Problem, mit dem technologischen Wandel Schritt zu halten. Die Notwendigkeit, erforderlichenfalls auch rapide Anpassungen vorzunehmen, werde eine Herausforderung bleiben (Seite 62).

Ein weiterer Ansatztyp zur Weiterentwicklung der Auswertung und Analyse sind nach Ansicht der Autoren datenwissenschaftliche Anwendungen, etwa um bessere Mustererkennung im Rahmen eines strategischen Frühwarnsystems zu betreiben. Hier nehme die Bedeutung des Faktors Mensch – letztlich vor allem des Analysten – zu. Denn jede (teil)automatisierte Datenerfassung bedarf eines wirklichkeitsnahen analytischen Bezugssystems, das auf solider Wissensbasis beruhen muss, um keine fehlleitenden Ergebnisse zu erbringen (Seite 62–64).

Die dynamische Entwicklung im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) eröffne zudem weitere Chancen für Nachrichtendienste. Lars Haugom et al. kommen zu der Einschätzung, dass Maschinen bei ausgewählten Aufgaben in der Datenerfassung und Datenauswertung mehr und mehr unterstützend zum Einsatz kommen werden, ohne Analysten ersetzen zu können. Hierbei komme es darauf an, dass die KI den Ressourcenaufwand an Personal, Arbeitszeit usw. überwiegend reduziert und nicht vermehrt (Seite 79). Mögliche KI-Anwendungen werden, so legen die Autoren nahe, aktuell erprobt und erkundet. Von einer Veränderung des analytischen „Tagesgeschäfts“ der Nachrichtendienste sei die Entwicklung demnach noch weit entfernt. Potenzial sehen die Autoren konkret vor allem in KI-Ansätzen, die Analysten darin unterstützen sollen, relevante Informationen aus großen Datenmengen schneller zu extrahieren und strukturiert aufzubereiten (Seite 73).[2]

Ein Hauptergebnis des Buchs ist, dass die Gesamtaktivitäten eines Nachrichtendienstes unter digitalen Rahmenbedingungen sachlogisch gesehen stärker denn je in der Analysefunktion kulminieren (Seite 169): „Intelligence has become analysis-centric.“ Inwiefern reale Abläufe in geheimen Auslands- und Militärnachrichtendiensten anhand dieser Sachlogik weiter angepasst werden, bleibt abzuwarten.

Online erschienen: 2023-11-30
Erschienen im Druck: 2023-11-28

© 2023 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von De Gruyter.

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 4.0 International Lizenz.

Downloaded on 23.2.2024 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/sirius-2023-4019/html
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